lade ...

Heid_2179-Publikum_ebv

22. Dezember 2017

Fachveranstaltung in der Halle der Landwirtschaftskammer

Über 160 Besucher waren am 30. November der Einladung der Landwirtschaftskammer zur Fachveranstaltung „Kurze Wege“ nach Rendsburg gefolgt. Aus ganz Schleswig-Holstein waren Landwirte in die Kammerhalle auf dem Messegelände gekommen, um sich über die vielfältigen Themen rund um den direkten Verkauf von Produkten an den Verbraucher oder Einzelhandelspartner zu informieren. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein. Bei der Informationsmesse rund um die Veranstaltung bot sich gleichzeitig die Möglichkeit zum fachlichen Austausch und zu Gesprächen mit zukünftigen Vermarktungspartnern.

Peter Levsen Johannsen, Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer, freute sich über die gute Resonanz bei den Betrieben: „Die anhaltende Nachfrage nach regionalen Produkten und das Interesse vieler Verbraucher an den Hintergründen der Lebensmittelproduktion bietet direktvermarktenden Landwirten neue Chancen“. Dennoch ist der direkte Verkauf an den Verbraucher nicht für alle Betriebe eine Lösung. „Die eigenen Erzeugnisse selbst zu vermarkten, stellt hohe Anforderungen an den Betriebsleiter. Professionelles Marketing und Freude an der Kommunikation mit Kunden sind wichtige Voraussetzungen für den Erfolg eines solchen Betriebszweiges“ betonte Johannsen.

Auf die Möglichkeiten, den Wert von Lebensmitteln für den Verbraucher zu erhöhen und damit mehr Erlös für die landwirtschaftlichen Betriebe zu realisieren, wies auch Landwirtschaftsminister Dr. Robert Habeck hin: „
„Wer versteht, wie produziert wird, und wer eine persönliche Bindung zum Produzenten aufbaut, der ist oft auch bereit, mehr zu zahlen. So können auf dem Wochenmarkt oder im Hofladen oft bessere Preise erzielt werden. Das ist auch eine Chance in der gesell-schaftlichen Debatte über die Landwirtschaft: Landwirtschaft und Gesellschaft rücken wieder näher zusammen.“

Enkeltaugliches Konzept aus Österreich
Vor den Toren Wiens liegt der ADAMAH Biohof. Seit 2001 nutzt Betriebsleiter Gerhard Zoubek die Nähe der Metropole für sein Direktvermarktungskonzept. Rund 7 Millionen Menschen leben in dem Vertriebsradius des Hofes. Was recht übersichtlich mit dem „Bio-Kistl“ begann, erreicht heute Umsätze in Millionenhöhe. Jede Woche versendet der Vertrieb etwa 5.500 Abokisten in einem Umkreis vom 100 km. Zoubek bietet ein Bio-Vollsortiment mit Hauszustellung, davon stamme etwa die Hälfte der Produkte aus eigener Erzeugung. Die Auslieferung erfolgt durch eigene Mitarbeiter an festen Liefertagen. In der höheren Kundenbindung durch die persönliche Beziehung zwischen Kunden und festem Lieferpersonal sieht Zoubek eines der Geheimnisse seines Erfolges. Aber auch Marktauftritte und Events auf dem Biohof sowie die Belieferung von Gastronomie und Bioläden gehören zum Modell. In mehreren Betrieben sind so aktuell 120 Mitarbeiter beschäftigt. „Durch die erfolgreiche Direktvermarktung hat unser Betrieb sehr viel Unabhängigkeit gewonnen“ berichtete Zoubek, „Um aus der Nische heraus zu kommen, haben wir in größeren Dimensionen gedacht“. Auch die online-Vermarktung ist fester Bestandteil im Vertriebsmodell. Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern: Alle vier Kinder der Zoubeks möchten im Betrieb mitarbeiten und gemeinsam die Zukunft gestalten. Von den Gewinnen, die der Betrieb erzielt, wird ein Großteil reinvestiert. Zoubeks Philosophie dabei ist: „Enkeltauglich wirtschaften“. Dabei setzt er auf die Grundpfeiler im Nachhaltigkeitsprozess: Entscheidungen werden gemeinsam unter Berücksichtigung von Ökologie, Ökonomie und sozialen Aspekten gefällt.

Gemeinsam in Schleswig-Holstein vermarkten
Welche Möglichkeiten in der betriebsübergreifenden Vermarktung in Schleswig-Holstein bereits bestehen und weiter ausgebaut werden können, stellten verschiedene heimische Akteure im Interview mit Moderator Carsten Kock vor. Ernst Schuster, Vorsitzender des Vereins Nordbauern SH, berichtete über die Aktivitäten des Zusammenschlusses von Direktvermarktern. Neben dem gemeinsamen Marketing, der Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung gibt es auch einen Lösungsansatz für das wichtige Thema Logistik. „Seit 2016 betreiben wir die Nordbauern-Logistik-Plattform“,
berichtete Schuster. „Mit dieser Mitfahrzentrale für landwirtschaftliche Produkte kommen die Erzeugnisse viel kostengünstiger zum Verbraucher oder in einen anderen Hofladen.“
Gemeinsam in der Vermarktung agieren auch die Landwirte der Meierei Horst. Das besondere bei der Genossenschaft: Auch Konsumenten können eintreten und so direkt Einfluss auf die regionale und nachhaltige Erzeugung der Milch nehmen. Vorstandsvorsitzender Hans Möller schilderte auch die Aktivitäten der Öko-Melkburen, welche ebenfalls die Meierei zur Verarbeitung ihrer Produkte nutzen. Möller beschrieb seine Zielsetzung „Wir haben ein alternatives Modell zu den anhaltenden Fusionen in der Milchwirtschaft geschaffen. Der dort umgesetzte Strategie „schneller, weiter, größer“ stehen wir kritisch gegenüber“.

Heid_2336-Schuster-Bombien-Nele-MattiVoß
Verschiedene Möglichkeiten, im Verbund zu agieren und so unter anderem Logistik und Vertrieb zu stärken, beschrieben Ernst Schuster (Nordbauern SH e.V.), Malte Bombien (Regionalwert AG), Nele Markwardt (Marktschwärmer Kiel) und Matti Voß (Heine Delikatessen).(v.li.)

Ein anderes alternatives Geschäftsmodell stellte Malte Bombien von der Regionalwert AG vor: „Wir geben Aktien mit einem Wert von 500 Euro auch an Verbraucher aus. Dieses Geld wird in landwirtschaftliche Betriebe in der Umgebung investiert.“ Voraussetzung ist, dass die Betriebe ökologisch wirtschaften oder sich in der Umstellung befinden.
Die Potentiale in der online-Bestellung und dem Versand von Lebensmitteln beschrieb Matti Voß von der Firma Heine Delikatessen aus Eckernförde: „Insbesondere bei regionalen Lebensmitteln aus Schleswig-Holstein sehen wir auch weiterhin eine wachsende Nachfrage. Die besonderen Spezialitäten aus der Direktvermarktung passen dabei gut in unser Sortiment“. Die Gelegenheit zu weiterführenden Gesprächen mit den mehr als 10 Akteuren der Informationsmesse nutzten die Besucher in der Pause und nach dem Vortragsteil.

Gefragt im Lebensmitteleinzelhandel
Die Bedeutung der Zusammenarbeit mit regionalen Erzeugern im Lebensmitteleinzelhandel stellte Marco Hauschildt vor. Für den selbständigen EDEKA-Kaufmann aus Rendsburg sind die lokalen Erzeugnisse eine wichtige Komponente in der Abgrenzung zu anderen Handelsunternehmen. Hauschildt betonte: „Viele unserer Kunden legen einen großen Wert auf die Regionalität der Lebensmittel. Mit Produkten von lokalen Erzeugern im Umfeld unserer Märkte differenzieren wir unser Angebot und geben den Kunden die Möglichkeit, wirklich in der Nachbarschaft einzukaufen.“ Nicht für jeden Betrieb ist die direkte Listung im Handel eine gute Alternative, denn die Anforderungen an die Qualität, Kennzeichnung und Herstellung der Erzeugnisse steigen. Auch Serviceleistungen wie die Regalpflege und regelmäßige Belieferungen müssen individuell gewährleistet werden.

Heid_2302-Hauschildt-Schroeder

Kammergeschäftsführer Peter Levsen Johannsen sprach mit Marco Hauschildt (EDEKA Hauschildt, Rendsburg) und Jürgen Schröder (Wittenseer Hühnerhof) über die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Handel und lokalen Lieferanten.(v.li.)

Die Pfeiler des Erfolges stellen für den engagierten Einzelhändler die starke Dachmarke und insbesondere seine qualifizierten Angestellten dar: „Die Mitarbeiter tragen den Markt“ betonte Hauschildt „Und sie kommunizieren die individuellen Geschichten der Lebensmittel an die Kunden“. Mit der Aktion „Kaufmann sucht Bauer“ vernetzt sich der Marktleiter mit lokalen Lieferanten. Natürlich kann auch Marco Hauschildt in seinem Sortiment von über 35.000 Produkten auf die großen internationalen Markenartikler nicht verzichten. „Wirklich sexy in der Vermarktung sind aber die Erzeugnisse unserer regionalen Lieferanten wie zum Beispiel dem Wittenseer Hühnerhof oder Gut Schirnau“ ergänzt der Kaufmann schmunzelnd. Während der nachfolgenden Informationsmesse nutzten viele Betriebe die Möglichkeit, direkt mit Hauschildt Kontakt aufzunehmen und ihre Produkte vorzustellen.

Online-Marketing vielfältig nutzen
Die Ansprache der Kunden über das Internet wird auch in Zukunft immer wichtiger werden. Innovative Modelle, so wie z.B. „Marktschwärmer“ erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Nele Markwardt, Leiterin von „Marktschwärmer Kiel“, beschreibt den neuen Ansatz: „Unsere Kunden bestellen ihre Lebensmittel über die Internetplattform direkt beim Produzenten. Auch die Zahlung wird dort bereits abgewickelt. Einmal in der Woche erfolgt dann die Warenausgabe persönlich durch die Erzeuger im mmhio-Café in Kiel“. So haben die Kunden den direkten Kontakt zum Landwirt, der Produzent wiederum hat eine Absatzsicherheit und weniger Zeitaufwand als bei einem klassischen Wochenmarkt.
Auch Hans-Joachim Gras, Internetexperte bei der Agentur „new communication“ hat das neue Modell mit Spannung verfolgt. Für die Besucher der Veranstaltung hatte er wichtige Hinweise zur Darstellung des eigenen Betriebes und der Nutzung der verschiedenen Kanäle im online-Bereich. Als besonders erfolgsversprechend für die online-Ansprache von Verbrauchern sieht Gras Anzeigen in Suchmaschinen oder in sozialen Netzwerken: „Besonders saisonale Produkte werden viel im Internet gesucht. Anzeigen sind dann besonders interessant, wenn sie eine zielgruppengenaue Ansprache ermöglichen, wie z.B. bei facebook.“

Heid_2279-P-Hausch-Kock-M

Kammerpräsident Claus Heller, Alexander Hausch (Mohltied!-Verlag), Moderator Carsten Kock und Landwirtschaftsminister Dr. Robert Habeck diskutierten Zukunftsstrategien für das Direktvermarkter-Portal GUTES VOM HOF.SH der Landwirtschaftskammer.(v.li.)

Auch Portale als Instrument des Gemeischaftsmarketings können helfen, neue Kundenkreise zu erschließen. Seit dem Frühjahr 2016 ist das Direktvermarkterportal „GUTES VOM HOF.SH“ der Landwirtschaftskammer aktiv. Über 120 Betriebe nutzen bereits die Möglichkeit, ihre Ware und Dienstleistungen hier gemeinsam zu kommunizieren. Alexander Hausch vom beauftragten Redaktionsteam der Zeitschrift „Mohltied!“, betonte: „Eine regelmäßige Ansprache der Kunden ist entscheidend für den dauerhaften Erfolg. Hierzu setzen wir unter anderem den Mail-Newsletter sowie Kurzmeldungen auf facebook ein.“

Die Möglichkeiten entdecken
Das vielseitige Programm fasste Claus Heller, Präsident der Landwirtschaftskammer, in seinem Schlusswort zusammen: „Direktvermarktung ist heute ein Bereich, der für viele Betriebe neue Chancen bietet. Welcher Kanal und welche Partner dabei zu wählen ist, liegt auch an der Strategie des einzelnen Betriebsleiters. Es gibt kein Patentrezept für alle Betriebe. Es gibt nicht den einen Weg zum Erfolg, sondern viele.“
Dass dabei der Weg online-Marketings in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird, darüber waren sich alle Referenten der Fachveranstaltung einig. Insbesondere bei der Ansprache jüngerer Zielgruppen kann heute kein Betrieb mehr darauf verzichten, sich zeitgemäß im Internet zu präsentieren.
Im Anschluss an die Veranstaltung nutzten die Teilnehmer die Möglichkeiten zum fachlichen Austausch und zum Knüpfen neuer Geschäftsverbindungen bei der Informationsmesse. Und so wurden in der Halle der Landwirtschaftskammer im ausklingenden Jahr 2017 viele neue Weichen für „Kurze Wege“ in der Vermarktung 2018 gestellt.

Sandra van Hoorn
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
04331 / 9453-400
svanhoorn@lksh.de

Widgets